Verschwimmende Grenzen zwischen Job und Freizeit

Industrie 4.0, New Work, VUKA, Work-Life-Blending – es mangelt uns nicht an Begrifflichkeiten, welche die Veränderungen im heutigen Berufsleben beschreiben. Work-Life-Blending meint die Verschmelzung von Lebenswelt und Arbeitswelt. Es werden klar umrissene und genau definierte Bereiche und Zeiten aufgehoben, die eindeutig eine der beiden Bereiche zugeordnet werden können. Dadurch entstehen ein ständiges Springen und Wechseln zwischen Job und Privatleben. Einerseits ist das Arbeiten hochflexibel, agil, frei und mobil geworden und schenkt uns doch eine große Portion Freiheit. Doch häufig entwickelt sich genau diese Freiheit zum Problem.

Während der Corona-Krise wurden in hohem Maße Heimarbeitsplätze geschaffen und vieles möglich gemacht, was vorher nicht denkbar gewesen wäre. Studien haben gezeigt, dass die Menschen ihre gewonnene Fahrzeit zum Büro, nicht in Freizeit investiert haben, sondern in den Arbeitsbereich. Dies zeigen auch immer wieder Umfragen, die ich in meinen Seminaren durchführe.

Viele Führungskräfte waren skeptisch und haben sich die Frage gestellt, ob die Mitarbeitenden auch tatsächlich arbeiten oder vielleicht doch eher in der Hängematte liegen oder zumindest abgelenkt sind. Doch es hat sich gezeigt, dass in dieser Zeit die Produktivität gestiegen ist. Die Arbeitnehmer arbeiten also eher mehr, als weniger. Und sie können häufig von zu Hause aus konzentrierter arbeiten. Das Vertrauen der Unternehmer und Führungskräfte müsste nun ausreichen, um auch künftig auf flexibles Arbeiten zu setzen.

Allerdings: Das Gefühl, immer erreichbar sein zu müssen sorgt dafür, dass weniger Pausen gemacht werden. Wenn Arbeitsprozesse nicht mehr an starre Arbeitszeiten und Arbeitsorte gebunden sind, dann erleichtert das Einerseits das Erreichen von Arbeitsergebnissen und die Vereinbarkeit von Familie und Beruf – auf der anderen Seite führt die Auflösung der Grenzen häufig zu selbstgefährdendem Verhalten. Bei hohem Arbeitsaufkommen werden weniger Erholungszeiten und Pausen eingehalten. Das belegen Studien und Rückmeldungen meiner Seminarteilnehmenden eindeutig. Häufig berichten Teilnehmende, dass sie als erste Handlung morgens ihren Rechner hochfahren, mit der Tasse Kaffee neben sich sofort anfangen zu arbeiten und um 14 Uhr erstaunt feststellen, dass sie noch keine Pause gemacht haben.

Manche erleben durch das räumlich und zeitlich flexible Arbeiten große Handlungs- und Entscheidungsspielräume, andere laufen Gefahr der permanenten Überschreitung der eigenen Leistungsgrenzen.

Und genau da setzt Führungsverantwortung an – das bedeutet, gemeinsam mit dem Team und jedem Einzelnen individuell Erwartungen, Verhaltensweisen und Kernzeiten zu vereinbaren, damit die psychische und physische Gesunderhaltung der Mitarbeitenden gefördert wird und nicht nur schriftlich im Leitbild zu finden ist.

Wenn wir von New-Work sprechen, ist es wichtig, die Mitarbeitenden auch darin zu begleiten, dies in gesunder Weise umsetzen zu können.

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